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19 November 2015 @ 09:05 pm
Benjamin Prüfer: Wohin du auch gehst  
Ich hasse es, ein Tourist zu sein. (…) Man ist immer in einer manisch-freundlichen Scheinwelt. Ich nenne sie das Backpackerland. Es ist egal, ob man durch Asien, Australien oder Südamerika reist. Backpackerland ist überall. Alles, was man über Backpackerland wissen muss, steht im Reiseführer Lonely Planet. Es ist eingeteilt in »Going there and Getting away«, »Accomodations«, »Things to do and to see« und »Dangers and Annoyances«. Im Backpackerland gibt es keine echten Menschen. Es gibt nur schlitzohrige Tuk-Tuk-Fahrer, devot immer-lächelnde Stewardessen, Gästehausbetreiber und Touristenführer, die einen Cousin in Deutschland haben. Alle sind nett zu einem, sie nennen einen »my friend«, obwohl man sie noch nie zuvor gesehen hat. (…) Ich hatte während meiner Reise das Gefühl, dass alles um mich herum eine Kulisse war, die nur für mich aufgestellt worden war. (…)
Auch ich hatte immer nur den Lonely Planet dabei und sah dementsprechend nur, was in dem Buch aufgeführt war. Manchmal habe ich überlegt, ob ich das Buch wegschmeißen soll. Doch dann wäre ich aus der Sicherheit des Backpackerlands verstoßen gewesen, das hätte die Reise erschreckend real gemacht. Allein die Vorstellung löste Panik in mir aus.
Im Backpackerland sind alle Beziehungen flüchtig. Man lernt einen Menschen kennen, man betrinkt sich eine Nacht mit ihm, für ein paar Tage ist er der beste Freund, doch man weiß, sobald er im nächsten Bus sitzt, hat er einen bereits vergessen.
Man ist nie allein im Backpackerland, aber oft einsam.
(S. 20)


Das war einfach so hundertprozentig die westliche Sicht auf Beziehungen. Vereinfacht gesagt sieht sie so aus: Die Gesellschaft ist eine Ansammlung von Individuen, die sich lose untereinander bewegen wie Blätter im Swimmingpool im Herbst. Jeder Mensch ist ein Unternehmer in Sachen menschlichen Beziehungen. Man investiert in andere: Zeit, Aufmerksamkeit, Zuneigung oder Geld. Dann erwartet man sich einen Shareholder-Value von diesem Menschen, eine Rendite. Kommt es nicht dazu, trennt man sich von ihm.
Mir ist aufgefallen, dass man in Gesprächen über Liebe oft Vokabeln verwendet, die aus der Wirtschaft oder der Politik stammen. Anstatt von »Zusammenleben« oder einfach von »Liebe« zu sprechen, verwendet man das Wort »Beziehung«, ein Begriff aus der internationalen Politik.
(S. 229)
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